Wolf-Christian Puchner:

Lebendig sprechen - Nehmen Sie sich in Acht vor komplexen "Monotonien"

Gesellschaft / 11.3.2020 / 0 Kommentare

Lebendig sprechen

Ob Ihre Zuhörer und Gesprächspartner von Ihnen inspiriert werden oder früh gelangweilt abschweifen, liegt bei weitem nicht nur an Ihren Themen. Dass eine monotone Stimme auch spannendste Inhalte blass klingen lässt, haben alle schon erlebt. Doch auch vielschichtige Sprechmelodien und -rhythmen können monoton wirken. Dann, wenn Sie sich unnatürlich, unspontan, zu regelmäßig wiederholen. Dem Zuhörer-Ohr geht es dann wie dem Auge, das schon wieder das gleiche, wenn auch sehr ansprechende, Plakat wahrnimmt: Kenn ich schon. Dann fällt es schwer, sich trotz der hypnotisierenden Abfolge auf den Inhalt zu konzentrieren. Dass die Stimme organisch bedingt monoton wäre, zählt nicht als Ausrede – das kommt nur äußerst selten vor.

Ob längere Redebeiträge gleichförmig oder lebendig wirken, liegt an komplexeren Zusammenhängen als nur der Unterscheidung „monoton oder akzentuiert". Auch lautes und deutliches Sprechen, am Satzende eine Pause, klare Gesten, motivierte Mimik – das alles kann sich schnell abnutzen, wenn die inhaltliche Grammatik nicht kongruent mit jener der paraverbalen und nonverbalen Ausdrucksmittel ist. Das klingt etwas abstrakt. Deshalb hier konkret drei der sieben häufigsten komplexen Monotonien sowie ein paar Anregungen, wenn Sie Ihre Auftrittswirkung ebenfalls verbessern möchten.

1. DER Abgesang (bitte betonen Sie die groß geschriebenen Silben oder Worte) SEHR häufig, auch bei geübten, gut vorbereiteten Vortragenden, ist folgendes Sprechmuster: Zum ANFANG der Sätze wird einfach das erstbeste Wort betont. Und zwar DADURCH, dass es sowohl den höchsten Ton als auch die größte Lautstärke bekommt. DARAN ist die Atmung schuld. DIE hat nach dem Einatmen die meiste Kraft. Das BESTÄTIGEN Sprechwissenschaftler, die viele Probanden in der Tonkabine Texte vorlesen ließen. Es STÖRT uns bei den ersten drei Sätzen noch nicht. Aber aus der DEUTLICHKEIT und Routine wird in unserer Wahrnehmung schon bald ein „Dauerpowerblabla". Erste Abhilfe: Betonen Sie besser im letzten Drittel des Satzes ein fast x-beliebiges Wort bzw. nur eine Silbe, Hauptsache es ist MITTELspannend. Dadurch kommt ein weniger vorHERhörbares Element dazu und dies entspricht mehr der sponTANen Sprechweise.

2. Die SCHUNkel REde
PoLItiker und SPREchende, die als sehr engaGIERT wahrgenommen werden wollen, WISsen schon, dass man zum ENde der Sinneinheit nicht an EnerGIE verlieren sollte. Sie verSCHLIMMbessern jedoch häufig DAdurch, indem sie einfach JEdes NÄCHSTbeste Wort, EINmal alle EIN bis zwei SeKUNden anpacken. - Es SOLL ja auch nach ANpacken klingen. DAS ergibt jedoch ein DAUerPOWerge- SCHUNkel und wirkt EBENso monoton wie DIrekte Monotonie.
Abhilfe: Die Betonungsenergie viel seltener – ein bis max. dreimal pro Satz – verteilen.

3. Die Endlosaufzählung
Wer sehr lange ohne Punkt und nur mit Kommata spricht, gerne z. B. im Meeting alle 10 Stichpunkte in einem Bandwurmgerede unterbringt, überspannt leicht den Bogen der Zuhörer, hier hätte jetzt schon ein Punkt hingehört, aber ich möchte da noch was anschließen und nicht unterbrochen werden, da hätte man auch einen Punkt machen können, obwohl man mich in dieser Situation gar nicht unterbricht, denn ich werde erst am Ende des Absatzes, nicht des Satzes, meine Stimme senken, so passiert es leider regelmäßig, dass es so klingt, als ob ich große Worte gelassen ausspreche, die großen Worte verrauchen dann sehr schnell und wenn ich endlich zum Punkt komme, was noch später sein wird, als Sie jetzt hoffen, dann sind wir alle froh, aber gewirkt haben die Inhalte nur auf einige wenige „Trotzdemzuhörer".

Machen Sie sich bewusst: Das liegt nicht anatomisch an der Stimme des Sprechenden. Es gibt Abhilfe: Punkte machen. Die Stimme abzusenken am Ende der Sinneinheit, obwohl man weiß, dass man danach noch dran ist, ist nicht leicht und will geübt werden. Barack Obama macht das sogar. Mehrmals. In einem Satz. Da werden Sie. Ja, genau Sie. Es doch schaffen. Wenigstens im Schnitt. Alle 1,5 Sätze. Einen Punkt zu machen. Yes. You will.

Hören Sie bei den nächsten Monologen bewusst zu: Es gibt Menschen, die teilsnuscheln oder lispeln, nicht besonders laut und zudem mit „Minimalmimik" sprechen. Trotzdem bleiben Sie als Zuhörer aufmerksam. Dies liegt daran, dass Sie dennoch die feine Lebendigkeit der Ausdrucksmittel, die gut zum Inhalt passt, wahrnehmen. Andererseits es gibt viele, die wohlgeschliffen und mit smarter Körpersprache einen interessanten Inhalt präsentieren und doch schweifen die Zuhörer gedanklich bald ab. Dann wissen Sie, woran es liegen könnte. Diagnose: Komplexe Monotonie. Unser Ziel als Sprechende sollte sein, eine gute Balance zwischen natürlicher Sprechweise und – unregelmäßig eingesetzt – leichter sprecherischer Überhöhung zu halten. Ausschließlich neutrale Korrektheit und Gleichförmigkeit können sich heute nicht einmal mehr Nachrichtensprecher erlauben.

Ein Tipp: Hören Sie sich vergleichend die Aufnahmen Ihrer Stimme im Monolog und im lebendigen Gespräch an. Wenn Sie das Gefühl haben, dass es zeitweilig leiert, achten Sie selektiv einmal nur auf Sprechrhythmus und Pausen – wie mitschunkelbar ist dieser Parameter? Dann einmal nur auf die Melodie – wie mitsingbar? Dann auf die Lautstärkenakzente. Wie lautet Ihre Diagnose?

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