Hanna Lisa Heusel:

Krisen als Quelle der Kraft und des Neuanfangs

Gesellschaft / 15.12.2020 / 0 Kommentare

Krisen als Quelle der Kraft und des Neuanfangs

Kaum ein Leben verläuft ohne eine Krise. Sie machen Angst und lassen uns erstmal in ein tiefes Loch stürzen, nichts scheint je wieder gut zu werden. Doch wie schafft man es, Krisen zu überstehen und sogar an ihnen zu wachsen?

Das Wort Krise kommt aus dem Griechischen und bedeutet „schwierige Lage". Krisen können politischen, ökonomischen, psychologischen oder gesellschaftlichen Ursprungs sein, aber auch ganz individuell, sogenannte Schicksalsschläge. Seien es der Verlust eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes, persönliche Sinnkrisen, globale Finanzkrisen oder Pandemien, die uns aus dem Gleichgewicht bringen. In der Psychologie wird die Krise als „schwierige, gefährliche Entwicklung, Ausnahmesituation, der Gipfel eines Spannungsbogens, in der sich die Betroffenen in einem sehr labilen psychischen Zustand befinden, ein weitaus größeres Bedürfnis nach Hilfe als sonst haben und folglich auch leichter beeinflussbar sind" beschrieben (Spektrum – Lexikon für Psychologie). Krisen tauchen meist unvorhersehbar und plötzlich auf und reißen uns aus unserem gewohnten Alltag. Sie werfen viele Fragen auf und das Bedürfnis nach Antworten und Kontrolle ist groß. Warum trifft es ausgerechnet mich? Was hätte ich tun können, um diese Situation zu verhindern? Doch nicht immer gibt es Antworten, vor allem keine einfachen. Das ist schwer aushaltbar und kann sehr beängstigend und bedrohlich sein.

Krisen verlaufen oft in mehreren Phasen. In ihrem Buch „Krisen erfolgreich bewältigen" beschreiben die Autor*innen fünf Phasen der Krise. Die erste Phase ist durch einen Schock- und Ausnahmezustand geprägt. Das ist die Akutphase der Krise, in der die psychischen und physischen Folgen am dominantesten sind. Viele sind kaum ansprechbar und können keinen klaren Gedanken fassen. Diese Phase wird von einem starken Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit begleitet. Das Selbstbewusstsein ist am Boden. Gefolgt wird diese Phase von einer Phase der inneren Krisenarbeit, in der man anfängt, zu reflektieren und sich der Krise stellen. Viele suchen in dieser Phase ein klärendes Gespräch oder bitten andere um Hilfe. Danach folgt die Phase der Akzeptanz und Einsicht, in der man beginnt, die Krise zu akzeptieren und mit ihr zu leben. Man gewinnt mehr Abstand zur Krise und ist in der Lage, klarere Gedanken zu fassen. Die Entschlossenheit sich der Krise zu stellen, wirkt wie eine Befreiung und bereitet den Weg für die Phase der Kreativität und Evaluation. Hier findet ein Veränderungsprozess statt, es werden neue Erkenntnisse erlangt und ein neues Selbstbewusstsein wird geschaffen. In der letzten Phase der Integration und Anwendung werden diese Erkenntnisse und das wiedererlangte Selbstbewusstsein konkret in das eigene Leben integriert.

Es ist hilfreich, den eigenen Fokus immer wieder auf das zu lenken, was trotz der Krise positiv ist und wofür man dankbar ist. Dabei achtsam mit sich selbst zu sein und sich zu sagen: „Es ist okay, wenn ich gerade nicht alles hinkriege." Aber dennoch, durch aktives Handeln und den Mut, Entscheidungen zu treffen, wirkt man dem Gefühl des Kontrollverlusts und der Hilflosigkeit entgegen. Im Idealfall geht man gestärkt aus der Krise heraus und ist für zukünftige Krisen mehr gewappnet. Denn, mit jeder Krise, die wir meistern, auch wenn sie noch so unterschiedlich sind, sind wir selbstbewusster in dem Wissen, was wir alles schaffen können, weil wir es schon einmal geschafft haben. Zudem kennt man seine eigenen Bedürfnisse besser und ist achtsamer mit sich und seiner Umwelt geworden. Vielleicht wächst man dadurch mit Menschen enger zusammen, lernt Beziehungen und Freundschaften wieder mehr zu schätzen, oder man wird demütiger und dankbarer für bisher Selbstverständliches, kann die Einzigartigkeit jedes Augenblicks mehr wertschätzen und lenkt sein Leben in bisher nicht gewagte Bahnen.

Wer Krisen nicht nur als Katastrophen sieht und mit aller Kraft den „alten Zustand" wieder erreichen will, kann letztlich sogar maßgeblich von ihnen profitieren. Dafür bedarf es der Bereitschaft das „Alte" in Frage zu stellen und sich völlig neuen Dingen zu öffnen.

 

Hanna Lisa Heusel

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