Hanna Lisa Heusel:

Ist es das Risiko wert?

Gesellschaft / 1.2.2021 / 0 Kommentare

Ist es das Risiko wert?

Mathematisch gesehen wird ein Risiko als Wahrscheinlichkeit mal Ausmaß definiert. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt und wie groß wäre sein Schaden für mich und meine Umwelt? Das klingt erstmal sehr einleuchtend. Aber wie kommt es dann, dass Menschen Risiken so unterschiedlich bewerten?

Heutzutage gibt es für die meisten Ereignisse jede Menge Statistiken, Zahlen, die uns sagen, wie groß ein Risiko ist. Doch vertrauen wir diesen Zahlen, wenn uns Risiken persönlich betreffen? Je abstrakter ein Ereignis ist, desto geringer schätzen wir das Risiko, dass es für uns persönlich oder in unserem engen Umfeld eintritt, ein. Zahlen und Wahrscheinlichkeiten sind ein sehr abstraktes Konzept. Sie sind für uns weniger greifbar als die eigenen Emotionen und Erfahrungen. Sobald Menschen aus dem eigenen Umfeld jedoch betroffen sind, wird eine Gefahr viel fassbarer und wir schätzen das Risiko, dass es uns selbst auch betreffen könnte, als deutlich höher ein.

Fast alle Menschen, die rauchen, wissen, dass es in vielen Fällen tödliche oder zumindest lebensverkürzende Konsequenzen haben kann. Dennoch ist für die meisten die Vorstellung, dass sie irgendwann deswegen sterben könnten, so weit weg, dass sie das Risiko für sich selbst als sehr gering einschätzen; nach dem Motto „Mich wird es schon nicht treffen." Hat man hingegen einen Onkel, der sein Leben lang geraucht hat und früh an Lungenkrebs gestorben ist, wird das Risiko auf einmal viel greifbarer und man hört vielleicht tatsächlich auf, zu rauchen, auch wenn sich an dem Risiko selbst nichts geändert hat. Ein ungesunder Lebensstil ist im Übrigen die größte und am meisten unterschätzte Gefahr für das eigene Leben.

Andersrum verhält es sich genauso; viele Ängste, entsprechen nicht der realen Gefahr, die von Ereignissen ausgeht. Die reale und die gefühlte Gefahr gehen oft weit auseinander und der Mensch vertraut den eigenen Werten und Emotionen meist mehr als Zahlen. Angst ist eine urmenschliche Emotion, die eine lebenserhaltende Funktion hat. Sie ist schnell auslösbar und bringt uns dazu, lieber zu oft als einmal zu wenig, vorsichtig zu sein. Doch sie hinkt der Entwicklung der Menschheit, die vieles deutlich sicherer gemacht hat, hinterher und schätzt Gefahren oft größer ein, als sie es eigentlich sind.

Wie wir Risiken beurteilen, hängt davon ab, welche Ereignisse besonders präsent sind. Sei es, weil eine Person, die wir kennen, das Ereignis schon erlebt hat oder, weil in den Medien besonders viel darüber berichtet wird. Kommt es beispielsweise zu einem Flugzeugabsturz, berichten die Medien sehr intensiv von dem Ereignis und es wird zum Gesprächsthema auf dem Arbeitsplatz und in der Familie. Vor allem die hohe Zahl der Todesopfer ist bei einem solchen Ereignisse sehr schockierend. Viele Menschen haben dann Angst in ein Flugzeug zu steigen und eine Flugreise anzutreten und nehmen vielleicht eher das Auto, um an ihr Ziel zu kommen. Das Risiko, an einem Autounfall zu sterben, ist jedoch über hundertmal größer, als bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen. Daran hat sich trotz des berichteten Flugzeugabsturzes nichts geändert.

Die Medienberichte verzerren unsere Einschätzung, weil vor allem Ereignisse, die nicht tagtäglich passieren, es in die Schlagzeilen schaffen. Das führt dazu, dass wir diese Ereignisse als weniger ungewöhnlich wahrnehmen als sie es eigentlich sind und unsere Risikoeinschätzungen darauf berufen. Wenn Risiken als höher eingeschätzt werden, als sie es faktisch sind, entstehen Ängste und wir entscheiden uns eher dagegen, etwas zu tun, weil uns das Risiko zu groß erscheint. Wir urteilen und entscheiden weniger nach Fakten und Statistiken, sondern ziehen, meist unbewusst, unsere Emotionen und Erfahrungen zu Rate. Diese Einschätzung ist jedoch keine exakte Kopie der Wirklichkeit, sondern eine Repräsentation unserer emotionalen Assoziationen bestimmter Ereignisse.

Es gibt einen Unterschied zwischen Risikobereitschaft und Leichtsinnigkeit; das eine ist wohl überlegt und abgewägt, während das andere impulsiv ist und das eigene Wohlbefinden unnötig in Gefahr bringt. Risiken sind Teil des Lebens und sie sind wichtig. Schon in der frühsten Kindheit sind wir ihnen ausgesetzt und lernen wichtige Lektionen aus ihnen. Sie bilden unsere Intuition und unser Selbstbewusstsein aus. Von daher sollten wir unser Bauchgefühl als Wegweiser auch nicht komplett ignorieren. Wichtig ist, dass wir uns mit Entscheidungen wohlfühlen, aber Ängsten auch nicht zu viel Raum geben. Es braucht eine gute Balance aus rationaler Statistik und emotionaler Intuition. Denn wie heißt es so schön „No risk – no fun!" – Manchmal lohnt es sich, ein Risiko zu wagen und mutig zu sein. Dabei hilft es, unsere eigene Wahrnehmung immer wieder zu hinterfragen und Medienberichte sowie Einzelschicksale im engen Umfeld in einen realen Bezug zu setzen.

Wenn Sie wissen wollen, wie gut Sie Risiken realistisch einschätzen können, dann versuchen Sie sich doch mal an diesem kurzen Test: http://www.kenn-dein-risiko.de/. Sie werden erstaunt sein!

 

Hanna Lisa Heusel

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