Anregungen statt Antworten:
Im Gespräch mit einem Coach erarbeiten sich Veränderungswillige einen beruflichen Fahrplan. Wir waren bei einem solchen Gespräch dabei.
VON SONJA FRÖHLICH
Nach 20 Jahren als Bankkauffrau will Tanja Tischler (Name von der Redaktion geändert) beruflich ganz neu anfangen. Die 36-Jährige arbeitet nur noch Teilzeit und schreibt sich an der Universität Hannover ein. Fünf Jahre lang studiert sie Wirtschaftswissenschaften. Seit Juli hat die Hannoveranerin ihr Diplom in der Tasche. Doch auf einmal ist sie ratlos: Wie soll es weitergehen? Tanja Tischler fühlt sich blockiert. Sie hat zwar viele Ideen, aber keinen Fahrplan, wie sie diese angehen soll. Sie sucht Hilfe bei einem Coach.
Nach einem längeren Vorgespräch am Telefon trifft die 36-Jährige die Personaltrainerin Silvia Habedank vom gleichnamigen Institut in Hannover. Alles ist vorbereitet: Auf dem Tisch des Seminarraums liegen Blöcke, Stifte und farbige Karten, Getränke, Kekse, sogar Pfefferminzbonbons stehen bereit. Zu Beginn geht es um die Erwartungen von Coach und Coachee. Silvia Habedank betont: „Ich mache keine Expertenberatung, sondern biete Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Sie mich fragen, was ich an Ihrer Stelle tun würde, werde ich Ihnen darauf keine Antwort geben.” Es gibt Wichtigeres: Ruhe finden, Gedanken strukturieren, Ziele definieren, die nächsten Schritte erarbeiten.
Die erste Aufgabe: Wie weit ist Tanja Tischler in ihrem Entscheidungsprozess? Auf einer Skala von null bis hundert soll sie eine Prozentzahl angeben. Ziel ist es, am Ende des Coachings möglichst nah an der Hundert zu sein. Dann kommen die Farbkarten zum Einsatz: „Ich möchte, dass Sie auf möglichst viele Karten eine Idee schreiben. Sie können sich richtig austoben — es kann auch eine Kneipe auf Mallorca dabei sein.” Fünf Karten kommen zusammen, darunter eine Doktorandenstelle, die Projektleitung bei einer Stiftung und ein Auslandsaufenthalt.
Beim „Alternativen-Zirkel” werden die Karten auf Stühle verteilt. Die Coachee soll sich auf einen der Stühle setzen und sich in die Situation der fiktiven Arbeitsstelle hineindenken. „Beschreiben Sie mir das Gefühl, das Sie dabei haben. Was sind Ihre Aufgaben, wie ist die Atmosphäre, wie ist das Verhältnis zu Ihren Kollegen?” Danach soll die 36-Jährige sagen, auf was sie verzichten müsste, wenn Sie sich für diesen Job entscheiden würde.
Silvia Habedank lässt ihrem Coachee viel Zeit. Sie redet nicht dazwischen und kommentiert nichts. Nur, wenn Tanja Tischler nicht weiter weiß, stellt sie gezielte Fragen oder sagt aufmunternde Sätze wie „Spinnen Sie das ruhig mal weiter”. Nach der Hälfte des „Alternativen-Zirkels” legen sie eine Pause ein, die Tanja Tischler auch nötig hat. „Dass es so anstrengend ist, hätte ich nicht gedacht. Das ist richtige Knochenarbeit”, sagt sie lachend. Später wird sie feststellen, dass sich die Mühe gelohnt hat. Ihre persönliche Rangliste in Sachen Berufsperspektiven hatte sich im Laufe des Rollenspiels noch einmal verändert.
Im letzten Teil des Coachings erstellt Tanja Tischler mit Hilfe ihres Coaches einen Maßnahmenkatalog: Was sind die nächsten Schritte, um ihre Vorstellungen zu verwirklichen? Die 36-Jährige schreibt: Kontakte nutzen, Termine vereinbaren, persönliche Visitenkarten drucken lassen, Literaturrecherche in der Bibliothek, Bewerbungsunterlagen zusammenstellen, Informationsveranstaltungen besuchen. „Ich werde Sie regelmäßig anrufen und Sie daran erinnern — das macht es für Sie verbindlicher”, sagt Silvia Habedank.
Nach fast vier Stunden „Power-Coaching” ist Tanja Tischler erschöpft — aber hoch motiviert: „Ich sehe jetzt viel klarer, wo ich stehe, was ich will und wie es weitergehen soll. Dabei bin ich nicht beeinflusst worden, sondern habe mir alles selbst erarbeitet.”
Coach ist kein geschützter Beruf. Jeder kann sich dieses Modewort auf eine Visitenkarte drucken lassen und drauflosberaten. Und tatsächlich tun das auch immer mehr. Neben vielen seriösen Anbietern tummeln sich zahlreiche Scharlatane und unprofessionelle Berater auf dem Markt. Der Wunsch nach einem Qualitätssiegel und einer einheitlichen, standardisierten Akkreditierung für den Beruf des Coachs wird zwar immer wieder geäußert, aber bislang bietet noch kein Siegel eine Orientierungshilfe bei der Suche nach einem guten Coach. Hilfreich ist folgende Checkliste:
Qualifikation: Ein Coach sollte eine wenigstens einjährige Ausbildung in einem anerkannten Institut absolviert haben. Eine Liste mit Ausbildungsinstituten gibt es unter www.coaching-index.de im Internet. Ein Coach sollte zudem Praxiserfahrungen als Coach vorweisen können. Eine psychologische und/oder betriebswirtschaftliche Ausbildung ist vorteilhaft.
Angebotsvergleich: Es ist nicht ratsam, den Erstbesten zu nehmen. Vergleiche lohnen. Hilfreich sind Empfehlungen aus dem Kollegen- und Bekanntenkreis.
Berufs-/Lebenserfahrung: Ein guter Coach verfügt neben seiner fachlichen Qualifikation in der Regel auch über mehrere Jahre Berufserfahrung. Folglich ist er auch nicht mehr Anfang 20.
Arbeitsweise: Man sollte nach Referenzkunden fragen. Auch ohne den Namen von Klienten zu nennen (es sei denn, er hat eine entsprechende Erlaubnis), sollte ein Coach Ergebnisse zeigen können. Warum hat sich ein Kunde beraten lassen, und was hat sich durch das Coaching verändert? Ein Coach sollte zudem Auskunft über die Methoden geben, die er einsetzt. Es sollten auf jeden Fall verschiedene Methoden sein
Spezialisierung: Nicht jeder Coach ist für jeden Coaching-Anlass geeignet. Daher sollte man einen Coach fragen, auf was er sich spezialisiert hat und welche Beratungen er ablehnt. Spätestens bei Menschen, die eine Therapie statt eines Coachings brauchen, sagt ein guter Coach Nein.
Beratung für den Berater: Auch ein Berater braucht mal Ratschläge. Daher sollte man nachfragen, ob sich der Coach regelmäßig beraten lässt.
Zeit: Bei der Auswahl des Coachs sollte man sich ein bisschen Zeit lassen. Nur unseriöse Anbieter setzen ihren Auftraggeber unter Druck und wollen schon im Erstgespräch einen Vertragsabschluss erzielen.
Gutes Bauchgefühl: Der Coach muss einen Zugang zu seinem Coachee finden. Das klappt nur, wenn das Bauchgefühl stimmt.
ibu