Hannoversches Wirtschaftsjournal, Nov./Dez. 2008
Neue Studien: Unternehmen unterschätzen Potential der Generation 50Plus
Deutsche Unternehmen sind nur unzureichend auf den demografischen Wandel vorbereitet und vernachlässigen die Generation 50Plus: Während diese Gruppe durch die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei gleichzeitigem Wegfall der gesetzlich geförderten Altersteilzeit ab kommenden Jahr stärker in den Betrieben vertreten sein wird, fehlen ganzheitliche Konzepte im Personalmanagement. Das belegen aktuelle Studien des Instituts der Wirtschaft, Köln, sowie der Steuer- und Wirtschaftsberatungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.
Auf dieses Defizit stößt die hannoversche Personaltrainerin Silvia Habedank in ihrer täglichen Arbeit. „Auf der einen Seite wird es immer schwieriger, qualifizierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Andererseits werden hochqualifizierte Mitarbeiter, die über jahrzehntelange Erfahrung verfügen, in vielen Unternehmen kaum noch fortgebildet, teilweise regelrecht ausgegrenzt oder gleich nach Hause geschickt“, sagt Habedank. Und tatsächlich: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft sitzen in Deutschland mehr als die Hälfte der 55- bis 64-Jährigen zu Hause statt im Büro. In Norwegen, den USA und der Schweiz dagegen arbeiten mehr als 60 Prozent dieser Altersgruppe. Schwachstellen gibt es ebenfalls im Bildungsbereich. Insbesondere bringen die deutschen Hochschulen zu wenige Absolventen hervor – hierzulande besitzen nur 22 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen akademischen Abschluss, in Irland hingegen 41 Prozent.
Silvia Habedank vom Institut für Personalentwicklung macht auf die Generation 50Plus aufmerksam. „Viele Unternehmen laufen Gefahr, kostbares Kapital zu verschenken. Verantwortlich dafür ist ein weit verbreitet defizitorientiertes Denken gegenüber älteren Mitarbeitern. Vermeintliche Schwächen älterer Mitarbeiter stellen sich jedoch schnell als Vorurteile heraus “, betont die Hannoveranerin. Sie sieht die Stärken der älteren Mitarbeiter: Praktische Urteilsfähigkeit, sichere Entscheidungsfindung, Konzentration auf das Wesentliche, Teamfähigkeit, Erfahrung und fundierte Fachkenntnisse, wertvolle Kontakte, Stabilität und Kontinuität sowie ein hohes Qualitätsbewusstsein.
„Werden ältere Beschäftigte wieder aktiv in Entwicklungsprozesse eingebunden und erkennen sie Perspektiven für das Lernen, steigt ihre Motivation. Das heißt nicht, dass Unternehmen einfach drauflos qualifizieren sollen. Insbesondere die lernentwöhnten Mitarbeiter gilt es mit Feingefühl an Qualifizierungsmaßnahmen heranzuführen“, so Habedank.
Die aktuelle Studie "Pro 50 - Arbeit mit Zukunft“ von PricewaterhouseCoopers fordert angesichts der demografischen Veränderungen eben die Entwicklung solcher Lösungen, um so die Wettbewerbsfähigkeit langfristig sicher zu stellen. Ziel eines zukunftsorientierten Demografiemanagements müsse es sein, die mit dem demografischen Wandel verbundenen Kapazitäts- und Produktivitätsrisiken zu minimieren. Die häufigsten Handlungsfelder der befragten Unternehmen seien Maßnahmen zur Förderung der Gesunderhaltung der Mitarbeiter, Maßnahmen zur Personalgewinnung, Wissensmanagement sowie Maßnahmen zur altersgerechten Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung.
Als größte Hürde für das Demografiemanagement nennen die von PwC befragten Unternehmen fehlendes Bewusstsein beim Top-Management. Ein Großteil der Führungskräfte sei für das Thema zwar sensibilisiert, doch primär auf unteren Führungsebenen. Im Top-Management sei das Thema noch nicht ausreichend angekommen. Gerade 34 Prozent der Befragten hätten angegeben, dass ihr Unternehmen gut oder sehr gut auf den demografischen Wandel vorbereitet sei.